Marco Tosatti
Lieber StilumCuriali, Pater Joachim Heimerl stellt Ihnen diese interessante kleine Studie über das Gebet in der Oper zur Verfügung. Viel Spaß beim Lesen und Verbreiten.
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„Hoffnung schwingt sich himmelwärts“: Das Gebet in der Oper.
Von P. Joachim Heimerl von Heimthal
„Lieben Sie die Oper?“ – Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen, die diese Frage mit „ja“ beantworten können. Aber Hand aufs Herz: Beten Sie in der Oper? Oder anders gefragt: Beten Sie in der Oper hin und wieder mit? Immerhin kommen Gebete ja in vielen Opern vor: Häufig stehen sie an den Wendepunkten der Handlung und noch häufiger zählen sie zu den großen „Hits“.
Bellinis „Norma“ beispielsweise kennt man hierzulande zwar kaum, die virtuose Arie „Casta Diva“ haben aber die meisten Opernfreunde im Ohr. Durch die Interpretation von Maria Callas wurde „Norma“ in Italien sogar so populär, dass man die Gebetsszene auf die 5000 Lire-Scheine druckte.
Vergleichbare Berühmtheit hat allenfalls noch „Vissi d’arte“ aus Puccinis „Tosca“ erlangt, und anders als es der Titel („Der Kunst weihte ich mein Leben“) vermuten lässt, handelt es sich auch bei dieser Arie um ein Gebet.
Dass am meisten in der italienischen Oper gebetet wird, zeichnet sich hier schon ab; allerdings wartet auch das deutsche Repertoire mit berühmten Gebeten auf: Agathes „Leise, leise, fromme Weise“ aus Webers „Freischütz“ zählt ebenso dazu wie der „Abendsegen“ aus Humperdinks „Hänsel und Gretel“ oder „Allmächt’ge Jungfrau“ aus Wagners „Tannhäuser“.
Wo demgegenüber finstere Mächte im Spiele sind, weicht das Gebet dem Racheschwur oder dem Fluch. Das hört man am eindrucksvollsten bei Wagner, beispielsweise im „Lohengrin“, wenn Ortrud zu den „entweihten Göttern“ ruft. Aber auch Verdi steht dem nicht nach: Im „Maskenball“ etwa lässt er die Wahrsagerin Ulrika den „König des Abgrunds“ heraufbeschwören: „Re dell’ abisso, affrettati!“
Derlei Magisches findet sich in der Opernliteratur oft; häufig finden sich auch „Gebete“, die – genau betrachtet – gar keine sind. Sobald aber in einem authentischen Sinne gebetet wird, geht es ums Ganze: meist um den Aufschrei einer Seele und – im Idealfall – um ihre Hingabe an Gott.
Dabei fällt auf, dass es auf der Opernbühne fast immer Frauen sind, die inbrünstig beten, und nur wenige Männerpartien brechen mit diesem Klischee. Doch wenn sie das tun, dann tun sie es wie Massenets „Le Cid“ mit heldischem Aplomp; sie treten stählern und männlich vor Gott, ihren Richter und Vater: „Ô souverain, ô juge, ô père!“
Frauen beten dagegen eher aus der Erfahrung der eigenen Ohnmacht heraus und stellen damit zugleich die größere Macht des Gebetes unter Beweis. Dass sie sich bevorzugt an die Selige Jungfrau wenden, bestätigt dies: Als „Gebenedeite unter den Frauen“ tritt Maria für sie als Fürsprecherin ein. Die vielen Variationen des „Ave Maria“ spiegeln dies wider; unter ihnen dürfte die Fassung aus Verdis „Othello“ wohl die berühmteste sein.
Als Desdemona dieses „Ave“ mit hinreißender „mezza voce“ beginnt, ahnt sie bereits, dass Othello sie töten wird. Sie lässt ihr Gebet in silbernen Kantilenen zum Himmel aufsteigen und besiegelt es mit einem leise gefluteten „Amen“, das auf einem hohen As völlig frei zu schweben scheint. Desdemona weiß sich im Schutz Mariens geborgen, Leben und Sterben hat sie in ihre Hände gelegt. – So tief kann das Vertrauen in die himmlischen Mächte sein, und so überirdisch kann dies klingen. Wenn es wahr ist, dass Gott in der Kunst erfahrbar wird, dann ist die Oper so etwas wie die hohe Schule des Gebets.
Besonders gilt dies für Puccinis Einakter „Suor Angelica“.
Nach ihrer Verbannung ins Kloster hat die junge Nonne Angelica vom Tod ihres unehelichen Sohnes erfahren. Eine lang schwelende Krise spitzt sich daraufhin zu: Angelica möchte bei ihrem Kind sein und greift verzweifelt zu Gift. Sterbend ruft sie die Muttergottes um Erbarmen an: „O Madonna, salvami! Una madre t’implora“ – Was dann geschieht, ist auch in der Oper außergewöhnlich: Der Himmel öffnet sich, die Selige Jungfrau erscheint und führt Angelica ihren Sohn zu. Mit Ausrufen höchster Verzückung geht sie ins ewige Leben ein.
Diese rettende Kraft des Gebetes wird in Ponchiellis „La Gioconda“ thematisch noch breiter entfaltet. Die im deutschen Sprachraum wenig bekannte Oper handelt während des venezianischen Karnevals im 17. Jahrhundert und hat ein überraschendes Schlüsselmotiv: den Rosenkranz.
Die komplexe Handlung beginnt damit, dass die blinde Mutter („La Cieca“) der Straßensängerin Gioconda als Hexe verbrannt werden soll. Doch Laura, der Frau des Inquisitors, gelingt es, die Blinde zu retten, als sie auf den Rosenkranz in ihren Händen verweist: Hexen beten eben nicht und die Blinde kommt frei. Zum Dank schenkt sie Laura ihren Rosenkranz, der, wie sie sagt, „alle Gebete verbindet“: „A te questo rosario, que le prehgiere aduna“ – Ciecas Arie ist ein einziger Lobpreis des Gebets, eine Kurzkatechese über den Rosenkranz.
Inzwischen rufen Orgelklänge zur Vesper und Gioconda stimmt dankbar ins Gebet der Menge ein. Sie hat alles, was sie sich wünscht: Ihre Mutter und ihre Liebe zu Enzo. In einer berühmten, sphärischen Phrase schwingt sich ihre Stimme zum einem heiklen hohen H auf: „O madre mia! Enzo adorato! Ah, come t’amo“. – Zu diesem Zeitpunkt ahnt Gioconda allerdings nicht, dass ihr großes Glück bereits zerbrochen ist: Unter den Masken hat Enzo in Laura nämlich seine Jugendliebe erkannt; vor ihrer erzwungenen Ehe waren sie einst ein Paar. Beide beschließen, heimlich aus Venedig zu fliehen, aber der Plan wird verraten; die Häscher nähern sich Enzos Schiff. Laura fleht die Selige Jungfrau, den „Stern des Meeres“, um Hilfe an: „Stella dell’ marinar, Vergine santa, tu mi defendi!“ – Da tritt unerwartet Gioconda auf. Sie hat von Enzos Plänen und der Rivalin gehört, doch als sie diese töten will, erkennt sie Laura am Rosenkranz der Blinden. Gioconda verhilft ihr kurzentschlossen zur Flucht: „O madre mia, quanto mi costi“ – Für die Rettung ihrer Mutter zahlt sie nun einen hohen Preis; sie weiß: Sie hat Enzo für immer verloren. Am Schluss wird er mit Laura glücklich werden.
Für Gioconda gibt es dagegen kein Happy End: „Tocco alla mèta“, resümiert sie düster: Sie hat keine Lebensperspektive mehr; der Selbstmord wird zum „letzten Kreuz“ auf ihrem Weg.
Die nachtschwarze Arie „Suicidio“ nimmt zwar noch etliche religiösen Motive auf, Glaube und Hoffnung sind aber Verzweiflung und Resignation gewichen. Zahlreiche Oktavsprünge unterstreichen dies; Gioconda stürzt in die Finsternis ihrer Seele: „Or piombo esausta fra le tenèbre!“
Dennoch bleibt diese Arie ein Gebet und so erbittet Gioconda vom Himmel den Frieden des Grabes: „Domando al cielo di dormir quieta dentro l’avel!“ – Nur die Musik lässt schließlich erahnen, dass ihre Bitte erhört wird.
Natürlich könnte man hier einwenden, das Gebet sei in der Oper lediglich ein gesungener Monolog, ein Psychogramm oder eine Selbstvergewisserung, vielleicht der Moment, in dem ein „Deus ex machina“ zum Zuge kommt.
All dies mag richtig sein; die innere Logik der Oper berücksichtigt es aber nicht. Auf der Opernbühne wird Gott nämlich ganz selbstverständlich mitgedacht; das Gebet bleibt so eine ehrliche Sache. Es spiegelt ein Vertrauen auf eine höhere Wirklichkeit, die weit über unserer kritischen Wahrnehmung liegt. Auf heutige Hörer mag dies befremdlich wirken, vielleicht verstörend oder naiv. – Wer betet schon in einer Zeit, die das Beten nicht mehr gelernt hat? Ist das nicht so obsolet, wie es die Oper selber ist: eine abgetane, hin und wieder religiös verkitschte Welt? Dennoch bildet nur sie das Menschliche und das Göttliche in einer existenziellen Weise ab, die einem unter die Haut gehen kann. Und genau dies zeigt das Gebet: Wenn das Beten der Moment ist, in dem sich der Mensch auf Gott hin entgrenzt, dann ist dies der eindringlichste Moment überhaupt. Das spürt man am stärksten in der Oper und am meisten, wenn man sich ganz der Musik überlässt. Man spürt, was Marietta in Korngolds „Toter Stadt“ formuliert: Alle „Hoffnung schwingt sich himmelwärts“. Darum geht es beim Beten und in der Oper insgesamt. – Vielleicht beten Sie beim nächsten Opernbesuch mit?
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