Marco Tosatti
Liebe Freunde und Feinde von Stilum Curiae, wir möchten euch den Brief vorstellen, den Erzbischof Carlo Maria Viganò an Leo XIV. gerichtet hat. Viel Spaß beim Lesen und Teilen.
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Erzbischof Carlo Maria Viganò
an Leo XIV.
Vor einigen Wochen habe ich die Umstände öffentlich bekannt gemacht, nämlich im Zusammenhang mit meiner Bitte um ein Treffen mit Leo XIV, seiner anfänglichen Zustimmung, seiner plötzlichen Absage und der endgültigen Streichung. Während ein katholischer Erzbischof nicht für würdig befunden wurde, in Audienz empfangen zu werden, verdiente eine abtreibungsbefürwortende und andersgläubige Frau in der Rolle einer anglikanischen ‘Erzbischöfin’ nicht nur die protokollarischen Ehren des Vatikans, sondern sogar die Möglichkeit, «in sacris» (‘gottesdienstlicher und sakramentaler Gemeinschaft’) mit Leo und anderen Prälaten zu kommunizieren, bis hin zur Erteilung eines ‘Segens’ in der Kapelle des Apostelfürsten. Dies ist ein weiterer Beweis für die Doppelmoral, die von den Vertretern der synodalen Kirche angewandt wird. Ich denke nicht, dass weitere Kommentare nötig sind. Nach langen Monaten des Schweigens ist es an der Zeit, den Inhalt meines Briefes an Leo vom 25. Januar dieses Jahres bekannt zu machen, um eine dokumentarische Spur zu hinterlassen.
Eure Heiligkeit, mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen die wichtigsten Ereignisse meines persönlichen und priesterlichen Lebens darlegen, damit Sie mich besser kennenlernen und die Beweggründe verstehen können, die mich antreiben.
Ich wurde am 16. Januar 1941 in Varese (Italien) in eine tiefgläubige katholische Familie hineingeboren, dank der ich nicht nur in der täglichen Ausübung des Glaubens aufwachsen und eine solide höhere Bildung erhalten, sondern auch eine Berufung zum Priestertum entdecken und prüfen konnte. Am 24. März 1968 wurde ich zum Priester geweiht, und nach einer kurzen Zeit in der Pfarrseelsorge in Pavia wurde ich vom damaligen Substitut des Staatssekretariats Msgr. Giovanni Benelli eingeladen, in die Päpstliche Diplomatenakademie einzutreten, wo ich im Oktober 1971 aufgenommen wurde. Ich habe fünf Päpsten gedient: in den Nuntiaturen von Bagdad, Kuwait und London; dann, ab Januar 1978, über zehn Jahre lang im Staatssekretariat als Sekretär von drei Substituten; schließlich als Ständiger Beobachter beim Europarat und beim Europäischen Parlament in Straßburg (1988–1992). Nach meiner Bischofsweihe, die ich aus den Händen von Johannes Paul II. empfing, wurde ich als Apostolischer Nuntius nach Nigeria entsandt (1992–1998); anschließend wurde ich ins Staatssekretariat zurückberufen und mit dem Amt des Delegierten für die Päpstlichen Vertretungen betraut (1998–2009). Im Jahr 2009 ernannte mich Papst Benedikt XVI. zum Generalsekretär des Governatorats des Vatikanstaates und 2011 zum Apostolischen Nuntius in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo ich bis 2016 tätig war.
In meiner Funktion als Delegierter für die Päpstlichen Vertretungen war ich damit betraut, die Vorprüfungen für die Ernennungen zum Bischofsamt in der Kurie und in den Nuntiaturen zu bearbeiten. Darüber hinaus fielen in meine Zuständigkeit auch die vertraulichsten und heikelsten Fälle im Zusammenhang mit Bischöfen und Kardinälen, darunter die Akten von Theodore McCarrick und anderen homosexuellen Prälaten. Mein Handeln in diesem Bereich brachte mir die Entlassung aus dem Staatssekretariat und meine Versetzung ins Governatorat als Generalsekretär ein, wo Papst Benedikt mich beauftragte, der Misswirtschaft und einem weitverzweigten Netz finanzieller Korruption entgegenzuwirken. Auch in diesem Fall wurde ich, obwohl ich den Haushalt des Governatorats innerhalb von anderthalb Jahren von einem Defizit von 15 Millionen Euro auf einen Überschuss von 35 Millionen Euro gebracht hatte und obwohl der Papst mich zum Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls befördern wollte, aus der Römischen Kurie entfernt und als Apostolischer Nuntius nach Washington entsandt. Mein Handeln hatte damals sehr mächtige Personen verärgert, die in der Lage waren, sich über den Willen von Papst Benedikt hinwegzusetzen.
Im Jahr 2016, genau an meinem 75. Geburtstag, befahl mir Bergoglio, die Nuntiatur in Washington zu verlassen, und verbot mir, in den Vatikan zurückzukehren, wo Johannes Paul II. mir dauerhaft eine Wohnung zugewiesen hatte. Zudem verbot er mir, in der römischen Residenz für pensionierte Nuntien zu wohnen, die eigens von Papst Benedikt eingerichtet worden war. Vor seinem Tod hat Bergoglio mir auch die vatikanische Staatsbürgerschaft und den Pass entziehen lassen; er hat mir auch den Zugang zur medizinischen Versorgung verwehrt, die den Mitgliedern des Diplomatischen Dienstes zusteht, obwohl ich regelmäßig meine Beiträge dafür bezahlt habe; er hat die Entfernung meines Autos aus dem vatikanischen Fahrzeugregister angeordnet; er hat die Verlängerung meines vatikanischen Führerscheins verhindert, den ich seit 1973 ununterbrochen besessen hatte, was mir große Unannehmlichkeiten bereitete und mich faktisch zu Hausarrest verurteilte.
Im August 2018 veröffentlichte ich das brisante Memorandum über Theodore McCarrick und das weitreichende Netz aus Korruption und Seilschaften innerhalb der Römischen Kurie, in welchem Jorge Mario Bergoglio persönlich direkt verwickelt war. Danach lebte ich einige Jahre lang im Verborgenen; dies hatte mir Raymond Leo Kardinal Burke geraten, einerseits angesichts erhaltener Drohungen, andererseits wegen des Todes meines unmittelbaren Vorgängers in Washington, Nuntius Pietro Sambi, unter sehr verdächtigen Umständen, nachdem derselbe heftig mit dem damaligen Kardinal McCarrick aneinandergeraten war, als er ihm die von Benedikt XVI. angeordneten Strafen für den systematischen Missbrauch des Kardinals mitteile.
Die Korruption, die Erpressungen, die Täuschungen und der Verrat, mit denen ich konfrontiert war, haben mich dazu veranlasst, über die tieferen Ursachen des katastrophalen Zustands nachzudenken, in dem sich die katholische Kirche befindet.
Als ich mich an die Jahre meiner Ausbildung an der Lateranuniversität (1960–1964) und an der Gregoriana (1965–1969) zurückerinnerte, musste ich erkennen, dass bereits vor dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils die ideologische Ausrichtung des gesamten cursus studiorum – und des Lehrkörpers – bereits von den neuen, noch nicht einmal offiziell approbierten Lehren des Konzils geprägt war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie in den römischen Priesterseminaren die klerikale Disziplin an allen Fronten der Anarchie wich und wie gerade die Oberen die Teilnahme der Studenten an den Konferenzen der ‘neuen Theologen’ förderten (hierbei beziehe ich mich auf jene, die noch wenige Jahre zuvor vom Heiligen Offizium mit berechtigtem Misstrauen betrachtet worden waren, wie Küng, Ratzinger, Rahner, Schillebeeckx, Congar und mit ihnen jene Gruppe von Modernisten, die schon bald die Lehrstühle der Universitäten und die Führungspositionen im Vatikan und in den Diözesen besetzen sollte. Und wie bei allen subversiven Operationen wurde die Atmosphäre des allgemeinen Wandels, der fortwährenden Reformen und der enormen Umwälzungen geschickt von oben geschaffen.
Von meinem privilegierten Beobachtungsposten aus als Sekretär des Substituts wurde ich Zeuge des Aderlasses von Tausenden von Priester- und Ordensberufungen; gleichzeitig wurden jene Priester, die sich weder dem neuen konziliaren Kurs beugen noch die tridentinische Liturgie aufgeben wollten, geächtet, als Ketzer behandelt, exkommuniziert oder a divinis suspendiert, ihres Gehalts beraubt und dem Sterben in Einsamkeit überlassen.
Als ich diese Ereignisse und Reformen heute mit dem ernüchterten Blick der Gegenwart und mit der Erfahrung aus anderen, ähnlichen Entwicklungen noch einmal durchdachte – nicht zuletzt die Durchführung der Synode über die Familie, die zu Amoris Lætitia führte, und vor allem die derzeitige Synodale Revolution –, musste ich in all dem eine mens, einen Plan, eine Geisteshaltung erkennen, die bereits jenen Staatsstreich vorbereitet hatte, dessen zerstörerischste Folgen sich bald darauf zeigen sollten.
Die konziliare Revolution folgte einem ganz bestimmten Drehbuch unter einer einzigen Regie. Alles musste vollkommen rechtmäßig und im Einklang mit der gewöhnlichen Praxis der Kirche erscheinen: Jedes verkündete Dokument musste eine rechtgläubige Auslegung zulassen, um die Konzilsväter zu beruhigen, und eine häretische Auslegung, die später in Konflikt dazu treten sollte. Diese Dokumente offenbaren die wahren Absichten derer, die ein Konzil in betrügerischer Absicht nutzten, um doktrinäre, moralische und liturgische Irrtümer durchzusetzen, die von den Päpsten bereits verurteilt worden waren.
Während der langen Jahre meines Dienstes für den Apostolischen Stuhls hinderten mich der bedingungslose Gehorsam gegenüber den Päpsten und mein völliges Aufgehen in der mir anvertrauten Aufgaben daran, die im Gange befindliche Revolution zu begreifen. Wie hätte ich mir die Umwälzung und den Verrat, die sich vollzogen, vorstellen können? Wie hätte ich es für möglich halten sollen, dass die höchste Autorität der Kirche und der gesamte Episkopat zu Komplizen der hinterhältigsten Feinde Christi werden, die heilige Pius X. in den Modernisten ausgemacht hatte?
Die 2016 eingetretene ‘Pensionierung’ ermöglichte es mir, diesen schwerwiegenden Problemen Gebet, Studium und Meditation zu widmen. So reifte in mir die Erkenntnis, dass das Zweite Vatikanische Konzil, obwohl es die Merkmale eines Ökumenischen Konzils beibehielt, mit der Absicht einberufen wurde, das gesamte kirchliche Gebäude zu erschüttern und es in all seinen Bestandteilen zu untergraben: in der Lehre, in der Liturgie, in der Disziplin, in den kanonischen Normen und insbesondere in seiner hierarchischen Verfassung. Es waren die Urheber des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst, die es als «das Jahr 1789 der Kirche» bezeichneten und ihr subversives Experiment als das Konzil par excellence betrachteten, womit sie dessen Verschiedenartigkeit gegenüber allen anderen Konzilien und der beständigen Tradition der Kirche deutlich machten.
Sowohl Jorge Bergoglio als auch die Päpste der nachkonziliaren Zeit haben sich stolz ihre ideologische Kontinuität mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil berufen, um jede ihrer ‘Reformen’ durchzuführen und zu rechtfertigen. Bezeichnenderweise gibt das gesamte nachkonziliare ‘Lehramt’ ein vom Konzil gutgehießenes neues Denkschema aus. Seine Lehren, stets im Fluss, – die sich ständig weiterentwickeln, genau wie die ihnen zugrunde liegende Hegelsche Synthese – stehen in offensichtlichem Bruch mit dem zweitausendjährigen Lehramt der Kirche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Das Konzil hat nicht nur zur Entchristlichung des Westens willfährig beigetragen, sondern zur Errichtung einer neuen Ordnung im zivilen Bereich, die den Plänen der Freimaurerei entspricht. Die Pläne der Logen sind wohlbekannt, und wir kennen die Mittel, die zum Erfolg der angestrebten Ziele eingesetzt werden sollten. Es ging darum, die katholische Kirche zu unterwandern und sie von innen heraus zu zerschlagen.
Die Diskussion über das Zweite Vatikanische Konzil und den Staatsstreich in der Kirche hat mich dazu gebracht, vor relativ kurzer Zeit den Alten Ritus wiederzuentdecken. Die Abkehr von der Montini-Messe markierte eine neue Etappe meines bischöflichen Dienstes. Zusammen mit der Tridentinischen Messe (die Messe meiner Priesterweihe) habe ich eine verborgene Welt von verfolgten und ausgegrenzten Priestern, Ordensleuten und Seminaristen entdeckt. Ich sah es als meine apostolische Pflicht an, ihrem Hilferuf Gehör zu schenken und ihnen eine Antwort zu geben, die neues Vertrauen in jene Kirche wecken würde, von der sie sich verraten und vertrieben fühlten. Dies hat mich dazu veranlasst, die Stiftung Exsurge Domine zu gründen und alles Notwendige zu tun, um denjenigen, die aufgrund ihrer Treue zur Tradition zu Unrecht vom bergoglianischen Terror getroffen wurden, den Lebensunterhalt – geistlich und materiell – sowie eine authentisch katholische kirchliche Identität zu sichern.
Zu ihnen gehören die Mitglieder der Priesterbruderschaft Familia Christi, die zunächst im Rahmen von Ecclesia Dei gegründet und anerkannt, dann aber brutal zerstört und aufgehoben wurde. Ihre Mitglieder wurden Opfer einer schrecklichen Verfolgung – die Sie nicht ignorieren können – durch den derzeitigen Erzbischof von Ferrara, Gian Carlo Perego, und durch den Heiligen Stuhl selbst. Diesen Klerikern, die sich an mich gewandt haben, nachdem sie ohne Unterhalt sich selbst überlassen wurden, sowie den Priesteramtskandidaten, die sich ihnen angeschlossen haben, versichere ich meine väterliche Fürsorge.
Meine Anklage gegen die Apostasie der konziliaren und synodalen Kirche und ihren Bruch mit der Tradition sowie meine detaillierten Zweifel an der Legitimität des ‘Pontifikats’ von Bergoglio – die ich nach bestem Gewissen in der Überzeugung vorgebracht habe, dem Auftrag des Nachfolgers der Apostel nachzukommen – haben mir eine ungerechte, unrechtmäßige und ideologisch motivierte Exkommunikation eingebracht. Diese kanonische Sanktion hat, auch wenn ich sie für nichtig halte, schwerwiegende kirchliche, institutionelle und persönliche Auswirkungen, die mich zutiefst schmerzen und die zur Straffreiheit, die bekanntermaßen ketzerische und korrupte Kardinäle, Bischöfe und Priester genießen, krass im Widerspruch stehen.
Unter den selbigen muss ich Eleuterio Vásquez Gonzales erwähnen, in Chiclayo bekannt unter dem Namen „Pater Lute“, der beschuldigt wird, mehrere junge Opfer sexuell missbraucht zu haben. Der Heilige Stuhl hat „Pater Lute“ kürzlich ohne reguläres kanonisches Verfahren die Entlassung aus dem Klerikerstand gewährt und ihn damit faktisch straffrei davonkommen lassen; der Anwalt der Opfer hingegen, der Kanonist Msgr. Ricardo Coronado Arrascue, wurde seiner juristischen Ämter entledigt, aus dem Klerikerstand entlassen und Ermittlungen wegen verleumderischer Anschuldigungen wurden gegen ihn eingeleitet. Die Angelegenheit wurde mir von Msgr. Coronado selbst samt Dokumenten ausführlich dargelegt. Dieser Fall weist sich denselben modus operandi auf, den Bergoglio bereits bei McCarrick angewandt hat, und offenbart eine komplett abwegige Rechtspflege durch den Heiligen Stuhl.
Angesichts der mir unrechtmäßig auferlegten Exkommunikation halte ich daran fest, kein Schismatiker zu sein! Durch Gottes Gnade bin und bleibe ich ein ergebener Sohn der Heiligen Römischen Kirche und ein treuer Untertan des Römischen Papsttums. Ich glaube fest an die Apostolische Gemeinschaft und erkenne den Petrinischen Primat an. Ebenso erkenne ich die Notwendigkeit an, nicht nur dem unsichtbaren mystischen Leib, sondern auch dem institutionellen und sichtbaren kirchlichen Leib anzugehören.
Zusammen mit mir wurden alle Päpste der Geschichte bis hin zu Pius XII. auf die Anklagebank des ehemaligen Heiligen Offiziums gerufen.
Ich habe mich mehrmals gefragt, was der Grund für die Verfolgung ist, der ich mich in der letzten Phase meines irdischen Lebens stellen muss; und ob meine Überzeugung, recht und nach dem Willen Gottes zu handeln, mich in die Irre geführt haben könnte. Doch so sehr ich auch versuche, mein Handeln zu prüfen, als stünde ich im Augenblick des Todes vor Christus, dem Richter, finde ich darin nichts moralisch Verwerfliches. Meine Ankläger haben sich darauf beschränkt, ein bereits vorgefertigtes Urteil zu verkünden, mit dem Ziel, denjenigen mit einem kirchenrechtlichen Winkelzug bei der Tür hinauszuwerfen, der durch das Aussprechen der unverkürzten Wahrheit die Untreue der katholischen Hierarchie aufgezeigt hat. Eine Stimme – meine eigene –, die nicht zum Schweigen gebracht werden konnte, allein schon deshalb, weil es niemandem je gelungen ist, mich zu bestechen oder zu erpressen.
Die Beamten des ehemaligen Heiligen Offiziums waren nicht in der Lage, auch nur eines meiner vorgebrachten Argumente zu widerlegen. Doch es genügte ihnen, dass ich es gewagt hatte, das Zweite Vatikanische Konzil und Jorge Mario Bergoglio zu kritisieren, um mich wegen des Vergehens des Schismas zur Exkommunikation zu verurteilen, obwohl es gerade meine Liebe zum Papsttum und zum beständigen Lehramt der Kirche ist, die mich diesem gnadenlosen Angriff seitens des Vatikans aussetzt. Ich hatte nie die Absicht, mich von der Apostolischen Gemeinschaft zu trennen, dem Stellvertreter Christi ungehorsam zu sein oder eine «Parallelkirche» zu gründen, wie mir manche vorgeworfen haben. Ich glaube vielmehr, dass ich dem Papsttum und der Heiligen Kirche nicht besser hätte dienen können, als so zu sprechen und zu handeln, wie ich es getan habe, und die daraus resultierenden Leiden im Geiste der Vereinigung mit den Leiden des göttlichen Erlösers zu ertragen.
Ich wende mich an Sie als betagter Erzbischof, aus Liebe zu unserem Herrn und in Treue zur Heiligen Kirche. Ich wende mich an Sie, um Ihnen meinen tiefen Schmerz darüber auszudrücken, dass die katholische Kirche von denen, die sie besetzen und die Macht über sie innehaben, verfinstert und entstellt wird. Ich kann mir nicht erklären, wie Sie nach der katastrophalen Erfahrung mit Jorge Bergoglio nicht nur dessen Irrtümer und Skandale nicht verurteilen wollen, sondern keine Gelegenheit auslassen, Ihre völlige Kontinuität mit selbigen zu bekräftigen. Und das im Namen einer «synodalen Kirche», die die hierarchische Struktur und den monarchische Charakter verfälscht, die Unser Herr Seiner Kirche geben wollte, und deren gesamtes Lehrgebäude zerstört!
Ich berufe mich auf einen anderen Leo, den großen Papst Vincenzo Gioacchino Pecci, in der paradoxen Situation zu wissen, dass er meine Worte für nachvollziehbar und lobenswert halten würde, während die bergoglianische Kirche sie für eines Schismatikers würdig befunden hat. Was ist in der katholischen Kirche im Laufe weniger Jahrzehnte geschehen, dass ich verurteilt werde, und mit mir alle vorkonziliaren Päpste? Quomodo facta est meretrix civitas fidelis? (Is 1,21) (‘Wie ist die treue Stadt zur Buhlerin geworden?’).
Der Glaube, den ich bekenne, die Tridentinische Messe, die ich feiere, die Konzilien und die lehramtlichen Verfügungen, die ich annehme, die Professio Fidei Tridentina (‘Tridentinisches Glaubensbekenntnis’) und das Jusjurandum antimodernisticum (‘Antimodernisteneid’), das ich so oft wiederholt habe, sind der ganzen Kirche gemeinsam und verbinden mich mit ihr. Als dieser einen, heiligen, katholischen, apostolischen und römischen Kirche Sohn und ergebener Diener, bezeichne ich mich, da sie in Doktrin und Moral unverändert ist. Und das ebenso unveränderte Papsttum ist das römische Papsttum, dem ich gehorsam bin, denn in der Stimme des Stellvertreters erklingt die Wahrheit des Guten Hirten, der sein Leben für die Schafe hingibt (Joh 10,11).
Die Autorität der Heiligen Schlüssel muss den Gerechten die Tore des himmlischen Jerusalem öffnen und die Verworfenen ausschließen, nicht umgekehrt. Diese Autorität geht von unserem Herrn aus (Röm 13,1) – und ist stellvertretend zu Seiner Autorität. Es ist nicht möglich, dass sie dazu benutzt wird, das zu legitimieren, was Er verurteilt, geschweige denn das zu verurteilen, was Er zu tun geboten hat. Deshalb kann ich dem nicht gehorchen, der, obwohl er in einer Autoritätsposition steht, sich weigert, seinerseits der höchsten Autorität Gottes untertan und gehorsam zu sein.
Ich denke an die Worte des heiligen Paulus: Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkünden würden als das, das wir euch verkündet haben, so sei er verflucht! (Gal 1,8) Von welcher Kirche bin ich getrennt? Und welche Autorität verurteilt mich? Die des Stellvertreters Christi oder die derer, die ein anderes Evangelium verkünden als das, das wir von unserem Herrn empfangen haben?
Ich lege diesen Brief in Ihre Hände, damit Sie die Gründe für meine Standpunkte und mein Handeln erfahren, in der Hoffnung, Sie zu einer gründlichen Gewissensprüfung und zu einer ebenso gebotenen wie unaufschiebbaren Bekehrung des Herzens, des Verstandes und des Willens anzuregen, im Gedenken an die Worte unseres Herrn: «Simon, Simon, Satan hat euch gesichtet, um euch wie Weizen zu sieben; aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht wanke; und du, wenn du dich bekehrt hast, stärke deine Brüder» (Lk 22,31-32). Ich bitte Sie, Ihre höchste Autorität auszuüben, um die Brüder im Glauben zu stärken. Ich bitte Sie, mich im Glauben zu stärken: Tun Sie dies bitte. Oder sagen Sie mir, wo ich irre und inwiefern ich dem Depositum Fidei widerspreche, das Sie bewahren müssen und auf dem die katholische Einheit beruht. Ich muss nach dem Bekenntnis des wahren Glaubens beurteilt werden: Sagen Sie mir also, worin ich dem katholischen Glauben widerspreche, und ich werde mich bessern.
Doch es gibt keine Argumente, die meine Exkommunikation rechtfertigen: Sie wurde mir unrechtmäßig auferlegt, um meine Person und mein Wirken zur Verteidigung der katholischen Wahrheit zu zerstören; eine Sanktion, die nicht zuletzt durch den unerbittlichen Hass von Jorge Mario Bergoglio mir gegenüber motiviert ist. Eine Ungerechtigkeit, die Wiedergutmachung für den schwerwiegenden Schaden fordert, der mir und der Sache der Heiligen Römischen Kirche zugefügt wurde.
Ich vertraue darauf, dass Sie mir nach der Absage des mir für den 11. Dezember letzten Jahres gewährten Audienztermins eine Audienz gewähren werden. Dann werde ich Ihnen persönlich einige Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit mitteilen können, die mein apostolisches Amt betreffen und die Notwendigkeit, dessen Kontinuität und Zukunft zu sichern.
Schon jetzt bekräftige ich meine bedingungslose Absicht, jeder Verpflichtung nachzukommen, die mir als Nachfolger der Apostel auferlegt ist,
in Christo Rege,
+ Carlo Maria Viganò,
Titularerzbischof von Ulpiana, Apostolischer Nuntius
Viterbo, 25. Januar 2026
In Conversione S. Pauli Apostoli
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